Wissenschaftspropädeutik: Begriff und Bedeutung

Table of Contents

  1. Was meint Wissenschaftspropädeutik?
  2. Warum Wissenschaftspropädeutik? – Der schulische Auftrag
  3. Wissenschaftspropädeutik in der gymnasialen Oberstufe
  4. Leitideen des Schulsports in Thüringen

1 Was meint Wissenschaftspropädeutik?

Lernziele:

  • Herkunft und Definition des Begriffs Propädeutik
  • Wissenschaftspropädeutik als Hinführung zu wissenschaftlichen Denk- und Arbeitsweisen
  • Abgrenzung zur bloßen Wissenschaftsorientierung des Unterrichts

1.1 Herkunft und Definition des Begriffs

Propädeutik (von altgriechisch propaideúein, „vorher unterrichten, erziehen, bilden”; im Sinne einer „Vorbildung” bzw. eines Vorbereitungsunterrichts) dient der Einführung in die Sprache und Methodik einer Wissenschaft.

Daraus folgt die zentrale Arbeitsdefinition dieser Vorlesung: Wissenschaftspropädeutik ist die Hinführung zu wissenschaftlichen Denk- und Arbeitsweisen, zu Methoden des Erkenntnisgewinns und allgemein zu Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorien (Güllich & Krüger, 2013).

Wissenschaftspropädeutik, verstanden als Anbahnung wissenschaftlichen Vorgehens, ist ein verbindlicher Unterrichtsbestandteil vor allem im Sekundarbereich II an allen Schulen, die zur Hochschulreife führen. Sie bedeutet ausdrücklich nicht, dass Schülerinnen und Schüler bereits selbstständig Wissenschaft betreiben sollen (etwa wie in der Idealform von „Jugend forscht”), sondern dass sie einen anfänglichen, exemplarischen Einblick in wissenschaftliche Arbeitsweisen erhalten. Dies schließt zugleich die Auseinandersetzung mit den Grenzen eines bestimmten methodischen Vorgehens ein.

1.2 Abgrenzung zur Wissenschaftsorientierung

Wissenschaftspropädeutik ist nicht zu verwechseln mit der Wissenschaftsorientierung der Unterrichtsinhalte. Unterrichtsinhalte müssen selbstverständlich den aktuellen Erkenntnisstand der Wissenschaften wiedergeben — allerdings nicht in der umfassenden und differenzierten Weise, wie dies in Universitätsvorlesungen geschieht. Wissenschaftspropädeutik zielt dagegen auf das Wie des Erkenntnisgewinns: auf Denkweisen, Methoden und die reflektierte Beurteilung von Aussagen.

Merksatz. Wissenschaftsorientierung fragt: Was ist der Stand des Wissens? Wissenschaftspropädeutik fragt: Wie kommt gesichertes Wissen zustande — und wo liegen seine Grenzen?


2 Warum Wissenschaftspropädeutik? – Der schulische Auftrag

Lernziele:

  • Bildungspolitischer Auftrag der Wissenschaftspropädeutik (KMK 1972/2012)
  • Das Sportstudium als wissenschaftliches Studium
  • Wissenschaft vs. andere Erkenntnisformen (Intuition, Offenbarung, Meditation)

2.1 Bildungspolitischer Auftrag

Die Kultusministerkonferenz (KMK 1972 i. d. F. von 2012) verankert Wissenschaftspropädeutik als Aufgabe der gymnasialen Oberstufe. Sie ist damit einer der Bausteine, die den Übergang von der Schule zur Hochschule vorbereiten. Für Lehramtsstudierende hat dies eine doppelte Bedeutung: Sie sollen wissenschaftliches Arbeiten selbst beherrschen und es später als verbindlichen Bestandteil ihres eigenen Unterrichts anbahnen.

Ziele der gymnasialen Oberstufe

Ziele der gymnasialen Oberstufe (KMK 1972 i. d. F. von 2012): allgemeine Studierfähigkeit, vertiefte Allgemeinbildung und Wissenschaftspropädeutik.

2.2 Das Sportstudium ist ein wissenschaftliches Studium

„Die Besonderheit des Sportstudiums an einer Universität besteht darin, dass es sich um ein wissenschaftliches Studium handelt, d. h., es wird von den Studierenden nicht nur verlangt, dass sie praktisch Sport treiben, sondern dass sie sich auch theoretisch mit der Wissenschaft vom Sport in ihrer ganzen Bandbreite auseinandersetzen. Ein Sportstudium ist somit wie jedes andere universitäre Fachstudium vor allem ein wissenschaftliches Studium.” (Güllich & Krüger, 2013)

2.3 Wissenschaft vs. andere Formen der Erkenntnis

Warum unterscheidet sich Wissenschaft von anderen Formen der Erkenntnis? Andere Erkenntnisformen — etwa meditative Erkenntnis, religiöse Offenbarung oder Intuition — sind in der Regel weder intersubjektiv überprüfbar noch methodisch zugänglich. Wissenschaft dagegen legt methodisch nachvollziehbar offen, wie Aussagen und Begründungen zustande kommen, und macht sie damit der kritischen Prüfung durch andere zugänglich.


3 Wissenschaftspropädeutik in der gymnasialen Oberstufe

Lernziele:

  • Wissenschaftspropädeutik im Thüringer Lehrplan Sport (Gymnasium, 2016)
  • Wissenschaftspropädeutische Kompetenzen im Sportunterricht

3.1 Auszug aus dem Lehrplan Sport (Thüringen)

Der praxisbegleitenden Wissensvermittlung kommt in der Thüringer Oberstufe eine stärkere Bedeutung zu. Der Unterricht ist speziell auf die Ausbildung der für ein Hochschulstudium notwendigen Studierfähigkeit unter Berücksichtigung wissenschaftspropädeutischer Komponenten ausgerichtet.

Wissenschaftspropädeutik als verbindlicher Bestandteil des Sportunterrichts in der Thüringer Oberstufe versteht sich als Weg zu selbstständigem, systematischem sowie wissenschaftlichem Denken und Arbeiten, zu Methoden des Erkenntnisgewinns, zu Reflexions- und Urteilsvermögen und allgemein zu Wissenschaftstheorien. Sportunterricht bahnt wissenschaftliches Arbeiten an.

3.2 Konkrete Lernumgebungen

Für die Gestaltung des Sportunterrichts heißt dies, den Schülerinnen und Schülern Lernumgebungen zu schaffen, in denen sie lernen können,

  • eine sportrelevante Aufgabenstellung selbstständig zu strukturieren,
  • die erforderlichen Arbeitsmethoden problemangemessen und zeitökonomisch auszuführen,
  • Hypothesen zu bilden und zu prüfen,
  • die Arbeitsergebnisse angemessen darzustellen,
  • sachgemäß zu argumentieren,
  • Prinzipien des Sporttreibens und sportliche Regeln zu verstehen, anzuwenden und auf persönlich bedeutsame Situationen zu übertragen.

(Lehrplan Sport, Gymnasium, Thüringen 2016)


4 Leitideen des Schulsports in Thüringen

Lernziele:

  • Das Thüringer Lernkompetenzmodell und seine vier Kompetenzbereiche
  • Die vier didaktischen Leitfragen (Wozu, Was, Wie, Womit)

4.1 Das Lernkompetenzmodell

Alle Fächer der Thüringer Lehrpläne werden auf Grundlage eines Fachlehrplans unterrichtet, dessen fachliche Ziele vom Lernkompetenzmodell aus bestimmt werden. Im Mittelpunkt stehen Methoden-, Selbst- und Sozialkompetenz, die in jedem Fach fachspezifisch und an konkreten Inhalten entwickelt werden und daher nicht von der Sachkompetenz (den fachspezifischen Kompetenzen) zu lösen sind. Grundsätzlich weisen Lernkompetenzen über das einzelne Fach hinaus.

Die vier Kompetenzbereiche des Thüringer Modells:

KompetenzbereichKern
SachkompetenzFachspezifisches Wissen und Können
MethodenkompetenzArbeits- und Erkenntnismethoden
SelbstkompetenzSelbstständigkeit, Reflexion, Urteilsvermögen
SozialkompetenzKooperation und Kommunikation

Quelle: Thüringer Schulportal — Leitideen des Schulsports.

Thüringer Lernkompetenzmodell

Kompetenzentwicklung im Sportunterricht: Sach-, Methoden-, Sozial- und Selbstkompetenz (Thüringer Lernkompetenzmodell).

4.2 Vier Leitfragen der Kompetenzentwicklung

Für eine erfolgreiche Kompetenzentwicklung im Sportunterricht sind vier Leitfragen zu klären:

  • WOZU soll gelehrt werden? — Frage nach den Zielen der Kompetenzentwicklung.
  • WAS soll gelehrt werden? — An welchen Inhalten sollen Kompetenzen entwickelt werden?
  • WIE soll gelehrt werden? — Art des Vorgehens, Methoden.
  • WOMIT soll gelehrt werden? — Unterrichtsmaterialien.

One-Minute-Paper Topics

Ein One-Minute-Paper ist ein kurzer, fokussierter Impuls, den Sie am Ende der Sitzung in etwa 60 Sekunden beantworten, um das Gelernte zu festigen. Formulieren Sie präzise und nutzen Sie die Terminologie dieser Sitzung.

  • Erklären Sie in zwei Sätzen den Unterschied zwischen Wissenschaftspropädeutik und Wissenschaftsorientierung des Unterrichts.
  • Warum bedeutet Wissenschaftspropädeutik in der Schule ausdrücklich nicht, dass Schüler:innen bereits selbst Wissenschaft betreiben sollen?

Prüfungsrelevante Fragen (S1)

  • Was meint Wissenschaftspropädeutik? Geben Sie eine Definition.
  • Warum unterscheidet sich Wissenschaft von anderen Formen der Erkenntnis?
  • Welche wissenschaftspropädeutischen Kompetenzen soll der Sportunterricht der gymnasialen Oberstufe anbahnen?

References

  • Güllich, A. & Krüger, M. (Hrsg.) (2013). Sport: Das Lehrbuch für das Sportstudium. Springer-Verlag. (insb. Kap. 2: Krüger & Emmrich, „Die Wissenschaft vom Sport”)
  • KMK (1972 i. d. F. von 2012). Vereinbarung zur Gestaltung der gymnasialen Oberstufe in der Sekundarstufe II.
  • Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport (2016). Lehrplan für den Erwerb der allgemeinen Hochschulreife — Sport (Gymnasium).
  • Thüringer Schulportal: Leitideen des Schulsports. https://www.schulportal-thueringen.de/schulsport/fachentwicklung/leitideen
  • Wikipedia: Propädeutik. https://de.wikipedia.org/wiki/Propädeutik