Sportwissenschaft: Die Wissenschaft vom Sport
Table of Contents
- Ziel und Zweck einer Wissenschaft vom Sport
- Deskription und Präskription
- Gegenstandsbereiche und Ziele der Sportwissenschaft
- Sportwissenschaft als empirische Querschnittswissenschaft
1 Ziel und Zweck einer Wissenschaft vom Sport
Lernziele:
- Ziel einer Wissenschaft vom Sport: beschreiben, verstehen, erklären
- Unterscheidung von reiner und angewandter Wissenschaft
- Wissenschaft und ihre methodischen Regeln
1.1 Das Ziel: Beschreiben, Verstehen, Erklären
Ziel einer Wissenschaft vom Sport ist es, den Sport und das Sporttreiben der Menschen zu beschreiben, zu verstehen und zu erklären (Güllich & Krüger, 2013). Dabei kommen sowohl naturwissenschaftlich geprägte, vornehmlich quantifizierende Methoden als auch qualitative, verstehende Methoden der Geisteswissenschaften zum Tragen.
1.2 Reine und angewandte Wissenschaft
Beim Zweck von Wissenschaft sind zwei Ebenen zu unterscheiden:
- Die Ebene der reinen Wissenschaft, in der es um Erkenntnisgewinn an sich geht — der praktische Nutzen spielt dabei keine Rolle.
- Die Ebene der angewandten Wissenschaften, in denen Wissen erworben wird, um die Praxis weiterzuentwickeln.
Naturwissenschaftliche Grundlagenforschung ist die Basis für Erkenntnisgewinn und Fortschritt; aufbauend auf ihren Ergebnissen entstehen Anwendungen, Innovationen und neue Technologien.
1.3 Wissenschaft bedarf methodischer Regeln
Wissenschaft bedarf methodischer Regeln: Es muss für andere nachvollziehbar offengelegt werden, wie wissenschaftliche Aussagen und Begründungen zustande kommen. Zugleich setzt Wissenschaft aufseiten der Wissenschaftlerin bzw. des Wissenschaftlers ein hohes Maß an normativer Selbstverpflichtung voraus, um die Freiheit der Forschung nicht zu missbrauchen (Güllich & Krüger, 2013).
2 Deskription und Präskription
Lernziele:
- Deskriptive (faktische) vs. normative (präskriptive) Aussagen
- Der naturalistische Fehlschluss
2.1 IST und SOLL
- Deskription bedeutet die Beschreibung des vorgefundenen Materials — der IST-Zustand. Deskriptive Aussagen geben an, dass etwas so oder so ist; sie werden auch faktische Aussagen genannt.
- Präskription bedeutet die normative Betrachtung — der SOLL-Zustand. Normative Aussagen geben an, dass etwas so oder so sein soll bzw. zu bewerten ist.
In der Umgangssprache mischen sich deskriptive und normative Aussagen. In den Wissenschaften gibt es diese Mischung nicht. Ziel einer normativen Betrachtung mittels wissenschaftlicher Methoden ist es, normative Fragen möglichst allgemeingültig zu beantworten.
2.2 Der naturalistische Fehlschluss
Der naturalistische Fehlschluss bedeutet, von einer deskriptiven (Sein-)Aussage unzulässig auf eine normative (Sollen-)Aussage zu schließen. Aus der bloßen Feststellung, dass etwas der Fall ist, folgt nicht logisch, dass es so sein soll. Die saubere Trennung beider Aussagetypen ist ein Kernbestandteil wissenschaftlichen Arbeitens.
Beispiel. „Leistungssportler:innen trainieren im Mittel 20 h/Woche” ist eine deskriptive Aussage. Daraus folgt nicht „Leistungssportler:innen sollen 20 h/Woche trainieren” — das wäre ein naturalistischer Fehlschluss.
Der naturalistische Fehlschluss: der unzulässige Schluss von deskriptiven auf normative Aussagen (Beispiel „gut“ vs. bloße Beschreibung).
Der naturalistische Fehlschluss: der unzulässige Schluss von deskriptiven auf normative Aussagen (Beispiel „gut“ vs. bloße Beschreibung).
3 Gegenstandsbereiche und Ziele der Sportwissenschaft
Lernziele:
- Die drei Gegenstandsbereiche (Säulen) der Sportwissenschaft
- Zuordnung der Ziele: Erkenntnis, Anwendung, Technologie
3.1 Drei Säulen
Sportwissenschaft lässt sich allgemein in drei wesentliche Gegenstandsbereiche zusammenfassen. In diesen Bereichen existieren unterschiedliche Ziele: Erkenntnis, Anwendung und Technologie. Alle Gegenstandsbereiche sind mit Bewegung assoziiert.
Gegenstandsbereiche der Sportwissenschaft und ihre vorrangigen Ziele (nach Güllich & Krüger, 2013).
| Gegenstandsbereich | Vorrangiges Ziel | Charakter |
|---|---|---|
| Grundlagenorientierter Bereich | Erkenntnis | Verstehen und Erklären von Phänomenen |
| Anwendungsorientierter Bereich | Anwendung | Übertragung von Wissen in die Praxis |
| Technologieorientierter Bereich | Technologie | Entwicklung von Verfahren, Methoden, Produkten |
Gegenstandsbereiche der Sportwissenschaft und ihre vorrangigen Ziele (nach Güllich & Krüger, 2013).
Drei Säulen der Sportwissenschaft: medizinisch-naturwissenschaftlich, geisteswissenschaftlich-pädagogisch und sozialwissenschaftlich (nach Güllich & Krüger, 2013).
Drei Säulen der Sportwissenschaft: medizinisch-naturwissenschaftlich, geisteswissenschaftlich-pädagogisch und sozialwissenschaftlich (nach Güllich & Krüger, 2013).
3.2 Gegenstandsbereiche in Jena
Die Gegenstandsbereiche der Sportwissenschaft in Jena sind entlang der zentralen Bezugsgröße Bewegung organisiert. Eine Übersicht der Bereiche findet sich unter https://www.spowi.uni-jena.de/bereiche.
4 Sportwissenschaft als empirische Querschnittswissenschaft
Lernziele:
- Empirie und die Ziele empirischer Wissenschaften
- Sportwissenschaft als Querschnittswissenschaft
- Die vier Themen der Wissenschaft (nach Balzer)
4.1 Empirie und die Ziele empirischer Wissenschaften
Empirie bedeutet „Erfahrung, Erfahrungswissen” und ist mit einer methodisch-systematischen Sammlung von Daten verbunden. Ziele empirischer Wissenschaften sind:
- Beschreibung und Erklärung interessierender Phänomene,
- Prognosen über das Eintreten künftiger Ereignisse,
- Vorschläge geeigneter Interventionen, um Ziele zu realisieren.
Diese Ziele werden durch die Anwendung wissenschaftlich akzeptierter Theorien erreicht, die einem ständigen Prüfungs- und Erweiterungsprozess unterliegen.
4.2 Vier Themen der Wissenschaft
Die Wissenschaft — und damit auch die Sportwissenschaft — lässt sich über vier Merkmale charakterisieren (nach Balzer, 2009):
- Wissenschaft besteht aus sozialen Systemen und Handlungen, muss in dieser Dimension von Religion und Politik abgegrenzt werden und einen eigenen Typ von Verantwortung definieren.
- Wissenschaft ist geprägt von geistigen Repräsentationen in Form von Strukturen, Modellen, Theorien und Computerprogrammen, die meist sprachlich beschrieben werden.
- Wissenschaft ist an Erfahrung gebunden — durch Daten, Experimente, Messung sowie deren statistische Aufbereitung.
- Wissenschaft ist geprägt von charakteristischen Vorgehensweisen (Methoden), die je nach Disziplin und Gegenstand variieren.
4.3 Querschnittswissenschaft
Die junge Sportwissenschaft ist keine klar konturierte Einzelwissenschaft wie die Physik oder die Mathematik. Es handelt sich vielmehr um eine Querschnittswissenschaft, die naturwissenschaftlich und geisteswissenschaftlich geprägte Methoden vereint. Bereits Carl Diem (1882–1962) formulierte, dass die Erforschung aller körperlichen, seelischen und gesellschaftlichen Wirkungen von Spiel und Sport nur dann vollständig gelingt, wenn die verschiedenen Wissenschaften „organisiert zusammentreten” (Diem 1982, zit. n. Güllich & Krüger, 2013). Generell kann Sportwissenschaft damit als eine praktische Wissenschaft verstanden werden.
One-Minute-Paper Topics
Ein One-Minute-Paper ist ein kurzer, fokussierter Impuls, den Sie am Ende der Sitzung in etwa 60 Sekunden beantworten, um das Gelernte zu festigen. Formulieren Sie präzise und nutzen Sie die Terminologie dieser Sitzung.
- Formulieren Sie je ein Beispiel für eine deskriptive und eine normative Aussage aus dem Sportkontext und erklären Sie, worin ein naturalistischer Fehlschluss zwischen beiden bestünde.
- Warum wird die Sportwissenschaft als „Querschnittswissenschaft” bezeichnet? Nennen Sie zwei Methodentraditionen, die in ihr zusammenkommen.
Prüfungsrelevante Fragen (S1)
- Was ist das Ziel einer Wissenschaft vom Sport?
- Was sind die drei Säulen (Gegenstandsbereiche) der Sportwissenschaft?
- Was versteht man unter einer normativen Betrachtung, und was ist der naturalistische Fehlschluss?
- Was sind quantifizierende Methoden?
- Was bedeutet „normative Selbstverpflichtung” in der Wissenschaft?
References
- Güllich, A. & Krüger, M. (Hrsg.) (2013). Sport: Das Lehrbuch für das Sportstudium. Springer-Verlag.
- Balzer, W. (2009). Die Wissenschaft und ihre Methoden. Grundsätze der Wissenschaftstheorie. Ein Lehrbuch (2. Aufl.). Verlag Karl Alber, Freiburg/München.
- BMBF: Grundlagenforschung — Basis für die Wissensgesellschaft. https://www.bmbf.de
- Institut für Sportwissenschaft, FSU Jena: Bereiche. https://www.spowi.uni-jena.de/bereiche