Studientypen, Studiendesigns & Evidenzlevel
Table of Contents
- Studientypen und Design-Terminologie
- Die Evidenzhierarchie
- Evidenzkategorien A–D
- Anwendung: Evidenz bewerten
1 Studientypen und Design-Terminologie
Lernziele:
- Die relevantesten Studientypen der Sportwissenschaft
- Zentrale Begriffe des Studiendesigns
1.1 Relevante Studientypen
In der empirischen Forschung im Bereich Sport- und Gesundheitswissenschaft finden verschiedene Studientypen Anwendung. Sie unterscheiden sich in Aussagekraft und Anfälligkeit für Verzerrungen (Bias).
Übersicht relevanter Studientypen (adaptiert nach Garber et al., 2011).
| Studientyp | Kurzcharakteristik |
|---|---|
| Randomisierte kontrollierte Studie (RCT) | Zufällige Zuteilung zu Interventions-/Kontrollgruppe; höchste interne Validität |
| Kohortenstudie | Prospektive Beobachtung von Gruppen über die Zeit |
| Fall-Kontroll-Studie | Rückblickender Vergleich Erkrankte vs. Nicht-Erkrankte |
| Querschnittsstudie | Momentaufnahme zu einem Zeitpunkt |
| Fallserie / Fallbericht | Beschreibung einzelner Fälle, keine Kontrollgruppe |
| Systematisches Review / Metaanalyse | Systematische Zusammenfassung mehrerer Studien |
Übersicht relevanter Studientypen (adaptiert nach Garber et al., 2011).
Die relevantesten Studientypen in Sport- und Gesundheitswissenschaft und ihre Evidenzkategorien A–D; die Stärke der Schlussfolgerung nimmt nach oben zu (adaptiert nach Garber et al., 2011).
Die relevantesten Studientypen in Sport- und Gesundheitswissenschaft und ihre Evidenzkategorien A–D; die Stärke der Schlussfolgerung nimmt nach oben zu (adaptiert nach Garber et al., 2011).
1.2 Design-Terminologie
Wichtige Begriffe zur Beschreibung von Designs sind u. a.: prospektiv vs. retrospektiv, experimentell vs. beobachtend, randomisiert vs. nicht randomisiert, kontrolliert vs. unkontrolliert, crossover vs. Parallelgruppen sowie mit/ohne Follow-up. Diese Begriffe präzisieren, wie eine Studie durchgeführt wurde, und bestimmen ihre Einordnung in die Evidenzhierarchie.
Studiendesign-Terminologie: Repeated-measures-, Multiple-baseline-, Within-subject-, Between-subject- und 2×2-Design.
Studiendesign-Terminologie: Repeated-measures-, Multiple-baseline-, Within-subject-, Between-subject- und 2×2-Design.
2 Die Evidenzhierarchie
Lernziele:
- Die Evidenzhierarchie als Heuristik
- RCTs und Metaanalysen als hohe Evidenzstufen
2.1 Evidenzlevel als Heuristik
Die Evidenzhierarchie (Level of Evidence) ist eine Heuristik, mit der die relative Stärke der Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung bewertet wird. Über die relative Stärke epidemiologischer Großstudien besteht weitgehend Einigkeit. Grundgedanke: Je besser ein Design systematische Verzerrungen kontrolliert, desto höher die Evidenzstärke.
Typischerweise stehen systematische Reviews und Metaanalysen von RCTs an der Spitze, gefolgt von einzelnen RCTs, Kohorten- und Fall-Kontroll-Studien, Querschnittsstudien sowie Fallserien und Expertenmeinung an der Basis.
Evidenzlevel für randomisierte kontrollierte Studien (nach dem Oxford Centre for Evidence-based Medicine): Level 1–4.
Evidenzlevel für randomisierte kontrollierte Studien (nach dem Oxford Centre for Evidence-based Medicine): Level 1–4.
2.2 Der „Goldstandard”
Als Goldstandard experimenteller Designs gelten randomisierte kontrollierte (crossover) Studien mit oder ohne Follow-up (RCT) — wegen der Randomisierung, die bekannte und unbekannte Störgrößen im Mittel gleichmäßig auf die Gruppen verteilt.
Beispiel: RCT mit Crossover-Design und Follow-up. Untersucht wird die akute Wirkung zweier Regenerationsmaßnahmen (A = Kältebad, B = aktive Erholung) auf die Muskelregeneration. Jede:r Teilnehmer:in durchläuft beide Bedingungen in zufälliger Reihenfolge (Crossover), getrennt durch eine Auswaschphase — jede:r ist damit die eigene Kontrolle. Ein Follow-up nach 72 h prüft die längerfristige Wirkung. Vorteil: interindividuelle Unterschiede werden kontrolliert; Nachteil: mögliche Übertragungs-(Carry-over-)Effekte, denen die Auswaschphase entgegenwirkt.
3 Evidenzkategorien A–D
Lernziele:
- Die Evidenzkategorien A–D
- Ein publiziertes Beispiel (Yoga & Depression)
3.1 Kategorien nach Garber et al. (2011)
Für Studien mit Bezug zur körperlichen Aktivität werden häufig die Evidenzkategorien A–D verwendet:
Evidenzkategorien A–D (nach Garber et al., 2011).
| Kategorie | Grundlage der Evidenz |
|---|---|
| A | Überzeugende Evidenz aus mehreren RCTs / Metaanalysen |
| B | Evidenz aus wenigen RCTs oder inkonsistenten RCTs |
| C | Evidenz aus nicht randomisierten/beobachtenden Studien |
| D | Expertenkonsens / Einzelfälle, geringe Evidenz |
Evidenzkategorien A–D (nach Garber et al., 2011).
Evidenzkategorien A–D mit Evidenzquellen und Definitionen (NHLBI; nach Garber et al., 2011).
Evidenzkategorien A–D mit Evidenzquellen und Definitionen (NHLBI; nach Garber et al., 2011).
3.2 Anwendungsbeispiel: Yoga & psychische Gesundheit
In einem systematischen Review zu Yoga bei psychiatrischen Erkrankungen (Balasubramaniam et al., 2012) wurde etwa Grade-B-Evidenz für einen möglichen akuten Nutzen von Yoga bei Depression (vier RCTs) und als Ergänzung zur Pharmakotherapie bei Schizophrenie (drei RCTs) berichtet, während Ergebnisse bei kognitiven Störungen und Essstörungen widersprüchlich blieben. Das Beispiel zeigt, wie dieselbe Intervention je nach Zielgröße unterschiedlich starke Evidenz besitzen kann.
4 Anwendung: Evidenz bewerten
Lernziele:
- Peer Review und Evidenzlevel als getrennte Qualitätsdimensionen
- Grobe Einordnung einer Studie nach Typ und Evidenzkategorie
4.1 Zwei Qualitätsdimensionen
Peer Review sichert, dass eine Arbeit überhaupt einen fachlichen Prüfprozess durchlaufen hat (Vorlesung 3). Das Evidenzlevel bewertet darüber hinaus die methodische Stärke des Designs. Eine peer-reviewte Querschnittsstudie kann also durchaus nur Kategorie C erreichen — beide Dimensionen sind zu unterscheiden.
4.2 Leitfragen zur Einordnung
- Welcher Studientyp liegt vor (RCT, Kohorte, Querschnitt …)?
- Wurde randomisiert und kontrolliert?
- Handelt es sich um eine Einzelstudie oder eine Synthese (Review/Metaanalyse)?
- Welche Evidenzkategorie (A–D) ergibt sich daraus für die betrachtete Zielgröße?
One-Minute-Paper Topics
Ein One-Minute-Paper ist ein kurzer, fokussierter Impuls, den Sie am Ende der Sitzung in etwa 60 Sekunden beantworten, um das Gelernte zu festigen. Formulieren Sie präzise und nutzen Sie die Terminologie dieser Sitzung.
- Ordnen Sie folgende Designs nach Evidenzstärke: Fallbericht, RCT, Kohortenstudie, Metaanalyse von RCTs. Begründen Sie kurz.
- Warum gilt die Randomisierung als das entscheidende Merkmal des „Goldstandards”?
Prüfungsrelevante Fragen (S2)
- Was sind Evidenzlevel und was bedeuten sie?
- Welche Studientypen sind für die Sportwissenschaft besonders relevant?
- Warum gelten RCTs als Goldstandard?
- Erklären Sie die Evidenzkategorien A–D an einem Beispiel.
- Worin unterscheiden sich Peer Review und Evidenzlevel als Qualitätskriterien?
References
- Garber, C. E., Blissmer, B., Deschenes, M. R., et al. (2011). American College of Sports Medicine position stand. Quantity and quality of exercise … Medicine & Science in Sports & Exercise, 43(7), 1334–1359. doi:10.1249/MSS.0b013e318213fefb
- Balasubramaniam, M., Telles, S. & Doraiswamy, P. M. (2012). Yoga on our minds: a systematic review of yoga for neuropsychiatric disorders. Frontiers in Psychiatry, 3, 117.
- Güllich, A. & Krüger, M. (Hrsg.) (2013). Sport: Das Lehrbuch für das Sportstudium. Springer-Verlag.