FAQ: Häufige Fragen zum Einstieg
Zum Einstieg in die Vorlesung können Sie die in den letzten Semestern am häufigsten gestellten Fragen der Studierenden für das Selbststudium nutzen. Die Antworten sind bewusst kurz gehalten und verweisen jeweils auf die Vorlesung, in der das Thema vertieft wird.
Table of Contents
- Wissenschaft und Erkenntnis
- Methoden und normative Aussagen
- Evidenz und Peer Review
- Hypothesen und Variablen
- Abhängige und unabhängige Stichproben
1 Wissenschaft und Erkenntnis
Lernziele:
- Die drei Säulen der Sportwissenschaft und ihre Teildisziplinen
- Abgrenzung der Wissenschaft von anderen Erkenntnisformen
- Zweck der Grundlagenforschung
- Normative Selbstverpflichtung als Bedingung der Wissenschaftsfreiheit
1.1 Was sind die drei Säulen der Sportwissenschaft?
Das akademische Fach Sportwissenschaft setzt sich in Forschung und Lehre aus drei großen disziplinären Bereichen zusammen (Güllich & Krüger, 2013):
| Säule | Gegenstand | Beispiele |
|---|---|---|
| Medizinisch-naturwissenschaftlich | Gesundheit und Krankheit im Zusammenhang mit Sport; (bio)mechanische Grundlagen; Leistungsoptimierung | Sportmedizin, Bewegungs- und Trainingswissenschaft |
| Geisteswissenschaftlich-pädagogisch | Bildung und Erziehung durch und mithilfe des Sports; Lehren und Lernen; ethische Fragen | Sportpädagogik, Sportdidaktik, Sportphilosophie |
| Sozialwissenschaftlich | Gesellschaftliche und ökonomische Fragen; zusätzlich rechtliche und politische Aspekte | Sportsoziologie, Sportökonomie, Sportgeschichte, Sportrecht |
Diese drei Säulen sind in der Praxis unterschiedlich stark ausgeprägt — beim näheren Hinsehen kann das durchaus zu einer Schieflage des Gebäudes führen. Genau deshalb wird Sportwissenschaft als Querschnittswissenschaft beschrieben.
Vgl. die Abbildung „Gegenstandsbereiche der Sportwissenschaft“ im Abbildungsverzeichnis; vertieft in Lecture 3: Sportwissenschaft — Die Wissenschaft vom Sport.
1.2 Warum unterscheidet sich Wissenschaft von anderen Formen der Erkenntnis?
Andere Formen der Erkenntnis sind beispielsweise meditative Erkenntnis, religiöse Offenbarung und Intuition. Diese Formen sind in der Regel weder intersubjektiv überprüfbar noch methodisch zugänglich. Wissenschaft dagegen legt methodisch nachvollziehbar offen, wie ihre Aussagen und Begründungen zustande kommen.
Merksatz. Nicht das Ergebnis macht eine Aussage wissenschaftlich, sondern der offengelegte, für andere nachvollziehbare Weg zu diesem Ergebnis.
1.3 Was ist Grundlagenforschung und wozu dient sie?
Grundlagenforschung zielt auf Erkenntnisgewinn an sich — der unmittelbare praktische Nutzen spielt zunächst keine Rolle. Sie bildet nach Darstellung des BMBF die Basis für Erkenntnisgewinn und Fortschritt: Auf den Ergebnissen mehrerer Jahrhunderte bauen Anwendungen, Innovationen und neue Technologien auf. Als Beleg für die kulturelle Bedeutung dieser Neugier führt das BMBF die öffentliche Anteilnahme an der ersten Mondlandung und die Aufmerksamkeit für die Entdeckung des Higgs-Teilchens am Large Hadron Collider (CERN) an.
Davon zu unterscheiden ist die angewandte Wissenschaft, in der Wissen erworben wird, um die Praxis weiterzuentwickeln. Beide Ebenen sind in der Sportwissenschaft vertreten.
1.4 Was bedeutet „normative Selbstverpflichtung“?
Wissenschaft ist frei — und diese Freiheit setzt auf Seiten der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein hohes Maß an normativer Selbstverpflichtung voraus, damit sie nicht missbraucht wird (Güllich & Krüger, 2013).
Konkretisiert wird diese Selbstverpflichtung im Kodex „Leitlinien zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
Vertieft in Lecture 4: Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens & Gute wissenschaftliche Praxis.
2 Methoden und normative Aussagen
Lernziele:
- Quantifizierende vs. qualitative Methoden
- Deskription (IST) vs. Präskription (SOLL)
- Der naturalistische Fehlschluss
2.1 Was sind quantifizierende Methoden?
Quantitative Forschung nutzt Datenerhebungsverfahren zur Erfassung numerischer Daten. Diese lassen sich anschließend deskriptiv und mittels schließender Statistik verarbeiten, um Hypothesen zu prüfen oder neue Erkenntnisse zu gewinnen.
In der Sportwissenschaft kommen sowohl naturwissenschaftlich geprägte, vornehmlich quantifizierende Methoden als auch qualitative, verstehende Methoden der Geisteswissenschaften zum Tragen (Güllich & Krüger, 2013). Die Wahl der Methode folgt der Fragestellung — nicht umgekehrt.
2.2 Was versteht man unter einer normativen Betrachtung?
Zum Erkenntnisgewinn gehören zwei Arten von Aussagen, die streng zu trennen sind:
| Aussagetyp | Bedeutung | Beispiel |
|---|---|---|
| Deskriptiv (faktisch) — IST | Etwas ist so oder so | „In Klasse 9a erreichen 40 % der Schüler:innen die Norm im 3000-m-Lauf.“ |
| Normativ (präskriptiv) — SOLL | Etwas soll so sein bzw. ist so zu bewerten | „Der Sportunterricht soll die Ausdauerleistungsfähigkeit fördern.“ |
Ziel einer normativen Betrachtung mit wissenschaftlichen Methoden ist es, normative Fragen möglichst allgemeingültig zu beantworten. In der Umgangssprache mischen sich deskriptive und normative Aussagen ständig — in den Wissenschaften gibt es diese Mischung nicht.
Der naturalistische Fehlschluss bedeutet, von deskriptiven auf normative Aussagen zu schließen. Er heißt „naturalistisch“, weil ein Prädikat wie gut auf dieselbe Ebene gestellt wird wie beschreibende Eigenschaftsprädikate vom Typ blau, gelb oder spitz. Im Beispiel der Abbildung unterscheiden sich Bild A und Bild B ausschließlich in der Farbe eines Kreises (weiß vs. schwarz) — das ist die deskriptive Aussage. Die Aussage „Bild A ist gut, Bild B ist nicht gut“ ist dagegen keine Beschreibung mehr, sondern eine Bewertung.
Merksatz. Gut ist keine naturalistische Eigenschaft, sondern ein Prädikat auf einer anderen Ebene. Aus einem Ist folgt kein Soll.
Vgl. die Abbildung „Der naturalistische Fehlschluss“ im Abbildungsverzeichnis; vertieft in Lecture 3.
3 Evidenz und Peer Review
Lernziele:
- Evidenzlevel als Heuristik zur Einordnung von Studien
- Die Evidenzkategorien A–D bzw. Level 1–4
- Peer Review als iteratives Verfahren der Qualitätssicherung
3.1 Was sind Evidenzlevel und was bedeuten diese?
Die Evidenzhierarchie (Level of Evidence) ist eine Heuristik, mit der die relative Stärke der Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung bewertet wird. Über die relative Stärke epidemiologischer Großstudien besteht weitgehend Einigkeit.
| Kategorie | Quelle der Evidenz |
|---|---|
| A | Randomisierte kontrollierte Studien (RCT) mit breiter Datenbasis |
| B | RCT mit begrenzter Datenbasis |
| C | Nicht randomisierte Studien, Beobachtungsstudien |
| D | Expertenkonsens (Panel consensus judgment) |
Evidenzkategorien für Studien mit Bezug zur körperlichen Aktivität nach Garber et al. (2011). Eine parallele Systematik mit den Leveln 1–4 (Oxford Centre for Evidence-based Medicine) findet sich bei Balasubramaniam et al. (2012).
Vertieft in Lecture 6: Studientypen, Studiendesigns & Evidenzlevel.
3.2 Was bedeutet Peer Review?
Der Begriff stammt aus dem Englischen: peer = Gleichrangiger, review = Begutachtung. Peer Review ist ein Verfahren zur Qualitätssicherung wissenschaftlicher Arbeiten. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stellen sich diesem Verfahren, damit der eigene Text durch die kritische Reflexion anderer, auf diesem Gebiet ausgewiesener Fachleute überprüft werden kann. Das Peer-Review-Verfahren ist ein iterativer Prozess: Begutachtung, Überarbeitung und erneute Begutachtung folgen aufeinander.
Die in PubMed indexierten Zeitschriftenartikel haben ein Peer-Review-Verfahren durchlaufen. (Hinweis: PubMed Central listet zusätzlich Preprints aus geförderten Projekten — diese sind als solche gekennzeichnet und noch nicht begutachtet.)
Vertieft in Lecture 4 und Lecture 5: Evidenz suchen und finden — PICO & PubMed.
4 Hypothesen und Variablen
Lernziele:
- Gerichtete vs. ungerichtete Hypothesen
- Unterschieds-, Zusammenhangs- und Veränderungshypothesen
- Unabhängige (UV) und abhängige (AV) Variable
- Operationalisierung als Messbarmachung
4.1 Was ist der Unterschied zwischen gerichteten und ungerichteten Hypothesen?
Von ungerichteten Hypothesen spricht man, wenn irgendein Unterschied, Zusammenhang oder irgendeine Veränderung postuliert wird — etwa, dass sich eine neue Trainingsmethode von der alten in irgendeiner Weise unterscheidet. Bei gerichteten Hypothesen wird die Richtung des Unterschieds, des Zusammenhangs oder der Veränderung spezifiziert (Güllich & Krüger, 2013).
- Ungerichtet: „Die neue Trainingsmethode unterscheidet sich von der alten hinsichtlich der Sprintzeit.“
- Gerichtet: „Die neue Trainingsmethode verkürzt die Sprintzeit gegenüber der alten.“
4.2 Welche Arten von Hypothesen gibt es?
Hypothesen werden hauptsächlich nach drei Typen unterschieden (Güllich & Krüger, 2013):
| Typ | Postulat | Beispiel aus dem Sportunterricht |
|---|---|---|
| Unterschiedshypothese | Mindestens zwei Populationen unterscheiden sich in einer AV | Schüler:innen mit Vereinsbindung erreichen im 3000-m-Lauf bessere Zeiten als Schüler:innen ohne |
| Zusammenhangshypothese | Zwischen zwei oder mehr Variablen besteht ein Zusammenhang | Zwischen Sportpartizipation und medialem Interesse für die Sportart besteht ein positiver Zusammenhang |
| Veränderungshypothese | Eine Variable hat zu verschiedenen Zeitpunkten verschiedene Ausprägungen | Die Sprungkraft nimmt über ein Schuljahr mit wöchentlichem Krafttraining zu |
Aufgabe. Formulieren Sie zu jedem Typ ein eigenes Beispiel aus Ihrem Fach — einmal gerichtet, einmal ungerichtet.
4.3 Was ist eine abhängige, was eine unabhängige Variable?
Variablen, die in Experimenten manipuliert werden, heißen unabhängige Variablen (UV). Ihre Auswirkungen zeigen sich in der abhängigen Variable (AV). Die AV wird also nicht manipuliert, sondern gemessen — sie ist Ihr Messwert.
Beispiel: Sie untersuchen, wie eine Intervallbelastung die Herzfrequenz beeinflusst. Die UV ist das Intervalltraining (z. B. 3 × 3 min Tempodauerlauf bei 4:00 min/km), die AV ist die Herzfrequenz. Die Belastung der Versuchspersonen wird gezielt erhöht, und dabei wird gemessen, wie sich die Herzfrequenz verändert.
Merksatz. Die UV gehört zum Wenn-Teil einer Hypothese, die AV zum Dann-Teil (Döring & Bortz, 2016; zit. n. Güllich & Krüger, 2013).
4.4 Was bedeutet Operationalisierung?
Operationalisierung bedeutet Messbarmachung. Bei der Operationalisierung wird festgelegt, mit welchem Messinstrument (z. B. Fragebogen, Kraftmessgerät, Lichtschranke) die verschiedenen Ausprägungen der interessierenden Größe (Zielparameter) quantifiziert werden.
Vertieft in Lecture 8: Die klassische wissenschaftliche Methode.
5 Abhängige und unabhängige Stichproben
Lernziele:
- Abhängige vs. unabhängige Stichproben
- Konsequenz für die Wahl des statistischen Prüfverfahrens
5.1 Was bedeutet abhängige Stichprobe?
Abhängige Stichproben sind verbundene Messwerte — zum Beispiel Messungen an derselben Person zu zwei Zeitpunkten. Wer die Mittelwerte zweier abhängiger Stichproben vergleicht, kann jedem Wert der einen Stichprobe genau einen Wert der anderen zuordnen: Man hat es mit Wertepaaren zu tun (Sedlmeier & Renkewitz, 2008; Sedlmeier, 2013).
5.2 Was bedeutet unabhängige Stichprobe?
Will man prüfen, ob sich die Mittelwerte zweier unabhängiger Populationen signifikant unterscheiden, benötigt man zwei unabhängige Stichproben — jeweils eine aus jeder Population. Die (stochastische) Unabhängigkeit bedeutet grob gesagt, dass die Werte in der einen Stichprobe keinerlei Vorhersage über die Werte in der anderen erlauben (Sedlmeier & Renkewitz, 2008; Sedlmeier, 2013).
| Merkmal | Abhängige Stichprobe | Unabhängige Stichprobe |
|---|---|---|
| Datenstruktur | Wertepaare, verbundene Messwerte | Getrennte Gruppen, keine Zuordnung möglich |
| Typisches Design | Prä-Post-Messung, Within-subject, Crossover | Interventions- vs. Kontrollgruppe, Between-subject |
| Beispiel | Herzfrequenz derselben Person t₀ vs. t₁ | Sprintzeit Fußballer:innen vs. Handballer:innen |
Merksatz. Die Frage „abhängig oder unabhängig?“ entscheidet über das statistische Prüfverfahren — sie ist damit eine Design-Frage, keine Auswertungsfrage im Nachhinein.
Vertieft in Lecture 9: 2×2-Design & statistische Grundlagen.
One-Minute-Paper Topics
Ein One-Minute-Paper ist ein kurzer, fokussierter Impuls, den Sie am Ende der Sitzung in etwa 60 Sekunden beantworten, um das Gelernte zu festigen. Formulieren Sie präzise und nutzen Sie die Terminologie dieser Sitzung.
- Formulieren Sie eine deskriptive und eine normative Aussage zum selben Sachverhalt aus Ihrem Sportunterricht — und benennen Sie, wo der naturalistische Fehlschluss lauern würde.
- Beschreiben Sie eine eigene Fragestellung mit UV, AV und Operationalisierung in drei Sätzen.
Prüfungsrelevante Fragen
- Was sind die drei Säulen der Sportwissenschaft?
- Warum unterscheidet sich Wissenschaft von anderen Formen der Erkenntnis?
- Was meint Deskription und Präskription — und was besagt der naturalistische Fehlschluss?
- Was sind Evidenzlevel und was bedeuten diese?
- Was bedeutet Peer Review?
- Was ist der Unterschied zwischen gerichteten und ungerichteten Hypothesen? Welche Arten von Hypothesen gibt es?
- Was ist eine abhängige, was eine unabhängige Variable?
- Was bedeutet Operationalisierung?
- Was bedeutet abhängige, was unabhängige Stichprobe?
References
- Balasubramaniam, M., Telles, S. & Doraiswamy, P. M. (2012). Yoga on our minds: a systematic review of yoga for neuropsychiatric disorders. Frontiers in Psychiatry, 3, 117.
- Balzer, W. (2009). Die Wissenschaft und ihre Methoden. Grundsätze der Wissenschaftstheorie. Ein Lehrbuch (2., vollst. überarb. Aufl.). Verlag Karl Alber.
- Döring, N. & Bortz, J. (2016). Forschungsmethoden und Evaluation. Springer.
- Garber, C. E., Blissmer, B., Deschenes, M. R., Franklin, B. A., Lamonte, M. J., Lee, I.-M., Nieman, D. C. & Swain, D. P. (2011). American College of Sports Medicine position stand. Quantity and quality of exercise for developing and maintaining cardiorespiratory, musculoskeletal, and neuromotor fitness in apparently healthy adults. Medicine & Science in Sports & Exercise, 43(7), 1334–1359.
- Güllich, A. & Krüger, M. (Hrsg.) (2013). Sport: Das Lehrbuch für das Sportstudium. Springer-Verlag. (insb. Kap. 2: Krüger & Emmrich, „Die Wissenschaft vom Sport“)
- Sedlmeier, P. (2013). Forschungsmethoden und Statistik für Psychologen und Sozialwissenschaftler. Pearson.
- Sedlmeier, P. & Renkewitz, F. (2008). Forschungsmethoden und Statistik in der Psychologie. Pearson Studium.
- BMBF: Grundlagenforschung — Basis für die Wissensgesellschaft. https://www.bmbf.de/bmbf/de/forschung/naturwissenschaften/grundlagenforschung/grundlagenforschung-basis-fuer-die-wissensgesellschaft.html
- DFG: Leitlinien zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis (Kodex). https://www.dfg.de/foerderung/grundlagen_rahmenbedingungen/gwp/